Felicia Lu lebte in den vergangenen Wochen ihren Traum: ihre erste eigene Headline-Tour. Doch was nach Erfüllung klingt, wurde zeitweise zum finanziellen Albtraum. Warum – das erzählte die deutsche Singer-Songwriterin offen auf ihrem Instagram-Kanal und im Interview mit mir.
Vom Kindheitstraum zur Bühne: Felicia Lu lebt ihre Musik
Felicia Lu Kürbiß wurde am 15. Dezember 1995 in Salzburg geboren und besuchte dort das musisches Gymnasium Borg Gastein, wo auch Esther Graf und Mathea waren. Nach der Matura zog sie zunächst nach Freilassing, später nach München – immer mit einem klaren Ziel: Musik machen. Schon früh wusste sie, dass Gesang und Songwriting mehr als nur ein Hobby für sie sind. Seit 2021 ist sie hauptberuflich Sängerin und ist hauptsächlich im Elektro- und Dark-Pop angesiedelt.
Wenn man Felicia Lu googelt, erscheinen sofort ganz viele Beiträge zum Thema Eurovision Song Contest. Als großer Eurovision Song Contest-Fan nahm Felicia nämlich gleich zweimal am deutschen Vorentscheid teil – den Sieg verpasste sie zwar, ihre Leidenschaft für den ESC blieb jedoch ungebrochen. Im Gegenteil: 2025 begleitete sie ihren Freund JJ auf seinem Weg zum Song-Contest-Sieg und fieberte als stolze Unterstützerin mit.
„Ich bin ein riesiger ESC-Fan und veranstalte jedes Jahr eine ESC-Party, bei der sich die Gäste ein Land aussuchen und sich dann als der jeweilige Act verkleiden. Umso besonderer war es dieses Jahr, JJ für Österreich begleiten zu dürfen. Ich hab sein Social Media gemacht und war bei der ganzen Reise dabei – von der Pre-Party über die Vorbereitungen in Basel bis zum Gewinn in Basel. Das war alles ziemlich surreal, ziemlich cool, ziemlich aufregend und ziemlich anstrengend natürlich auch.“
Gelohnt hat es sich auf jeden Fall, denn JJ hat nicht nur den Sieg, sondern den Song Contest wieder nach Österreich geholt.
Die Entscheidung für Unabhängigkeit: Felicia Lu wird Independent-Künstlerin
Im Podcast „Bis zum Punkt“ mit David Slomo spricht Felcia Lu darüber, dass ihr in ihrer jungen Karriere schon viel Schlechtes passiert sei:
„Ich habe, glaube ich, jeden falschen Vetrag unterschrieben, den man unterschreiben kann. Bin wirklich an die schlechtesten Leute gekommen, an die man kommen kann.“
Nachdem sie bereits bei verschiedenen Labels unter Vertrag war, Verträge unterschrieben hatte, die alles andere als fair waren und dabei nie wirklich glücklich wurde, entschied sich Felicia Lu im Jahr 2024, ihr Artist-Projekt vollständig selbst in die Hand zu nehmen. Das bedeutet: komplett unabhängig von Labels, Managements und externen Entscheidern. Im Interview erzählt sie, dass sie vor allem eines wollte – volle Kontrolle. Sie hat eine klare Vision von ihrer Kunst, weiß genau, wie ihre Cover aussehen sollen, welche Videos sie drehen möchte und wie sich eine Tour anfühlen muss. Unterstützung von außen kann hilfreich sein, sagt sie, muss es aber eben nicht.
„Ich wollte einfach mal die komplette kreative Freiheit haben. Ich habe jetzt mein letztes Album ‚Bitter Sweet‘ einfach komplett independent gemacht. Das heißt: Ohne Label. Ohne Management. Einfach alles selber gemacht. Auch natürlich selbst bezahlt.“
Mit diesem mutigen Schritt ist Felicia ein klares Vorbild für Selbstbestimmung im Musikbusiness. Sie zeigt, dass man seine Karriere eigenständig aufbauen kann – aber auch, wie viel Druck damit einhergeht. Denn ohne Label-Vorschüsse oder finanzielles Backup bedeutet Unabhängigkeit auch, für alles selbst aufzukommen: Band, Venues, Ticketverkauf, Technik, Security, Catering, Tourbus, Abendkassa – die gesamte Produktionskette liegt plötzlich in der eigenen Verantwortung.
Die erste Headliner-Tour: Zwischen Traum & Risiko
„Mir war im Vorhinein klar, dass das wahrscheinlich kein großer Gewinn wird, weil Touring einfach extrem teuer geworden ist.“
Genau um das Finanzielle ging es auch bei ihrer ersten Headliner-Tour, von der sie schon sehr lange geträumt hat. „Ich habe mir das vor Jahren in den Kopf gesetzt, dass ich endlich mal auf eigene Tour fahren möchte„, erzählt sie im Interview. „Bisher habe ich nur vereinzelte Konzerte gespielt oder andere Acts supportet – eine richtige, komplette Tour alleine aber noch nicht. Und meine bestehende Fanbase hat schon auch immer wieder regelmäßig danach gefragt.“
Gesagt, getan. Felicia plante ihre erste große Tour – und geriet erneut an die falschen Menschen. Ein Manager versprach ihr das Rundum-sorglos-Paket, doch am Ende musste sie ihre Fans bitten, die Tickets zurückzugeben. Denn der Manager stellte sich als Scamer heraus und hatte das Geld aus den bereits verkauften Karten einfach eingesteckt. Ein herber Rückschlag – doch Felicia ließ sich davon nicht unterkriegen.
Damit ihre Fans nicht die Leidtragenden wurden, erstattete Felicia das Geld aus eigener Tasche zurück. Aufgeben war für sie jedoch keine Option. Statt die Tour abzusagen, organisierte sie alles neu – mit enormem Einsatz, viel Mut und dem festen Willen, ihre Musik trotzdem auf die Bühne zu bringen.


Und genau das gelang ihr: Am 2. Oktober 2025 startete ihre „THE BITTERSWEET TOUR“ in Berlin. Fünf weitere Shows folgten, bevor sie am 11. Oktober die Abschluss-Show in ihrer Heimatstadt Wien spielte – bei der auch ich dabei war. Ich stand übrigens direkt neben JJ – fand richtig toll, wie er Felicia unterstützt hat.
Im Interview schwärmt Felicia begeistert von dieser Zeit und betont, dass sie die Tour genauso wieder machen würde. Besonders bewegend war für sie, ihre Community endlich persönlich zu treffen: „Es war auch total schön nicht nur die Zahlen auf Spotify, Apple Music und Co zu sehen, sondern in einem Raum zu sein mit Leuten, die die deine Musik hören. In deren Gesichter zu schauen und mit ihnen im Raum zu singen. Und überhaupt mal zu verstehen, es gibt Menschen, die meine Musik hören, kennen und mitsingen können. Das gibt einem schon ganz toll viel.“
Auch wenn bei der Tour soweit alles gut gelaufen ist, riss sie doch ein ordentliches Loch in ihr Budget. Denn entgegen der verbreiteten Annahme werden Künstler:innen nicht durch Tourneen reich – und schon gar nicht unabhängige Artists ohne großes Label im Rücken.
Denn, „Tourneen lohnen sich erst ab einer gewissen Größe. Das ist auch das Problem der Kleineren in der Musikbranche, weil wenn der Vor-Verkauf einer Tour nicht richtig gut anläuft, steigen oft die Booking-Agenturen aus, weil sie sagen, dass es sich nicht lohnt. Das ist auch das Problem, warum in letzter Zeit so oft Tourneen verschoben oder abgesagt werden mussten“, erklärt Felicia.
Und ja, in den vergangenen Monaten mussten tatsächlich zahlreiche Künstler:innen ihre geplanten Tourneen verschieben oder ganz canceln. Darunter: Fabian Wegerer, Yvonne Catterfeld oder auch Patricia Kelly.
„Ich finde auch, dass die Livebranche einer der wichtigsten Kunstbranchen ist und finde es total schade und schrecklich, dass so viele kleinere Artist eben das jetzt nicht machen können, weil es einfach so teuer geworden ist.“
Zwischen Leidenschaft und Überleben – Felicia Lu über die Realität der Musikindustrie
Genau darüber spricht Felicia auch offen und schonungslos. Ihr ist es wichtig, dass die Probleme im Musikbusiness sichtbar werden: „Es wird auch nicht richtig offen darüber diskutiert, wie diese Industrie eigentlich aussieht, und deswegen rede ich gerne darüber. Einerseits, weil ich es wichtig finde – und andererseits, weil viele Menschen, die nicht in der Branche sind, keinerlei Einblicke bekommen und sich dafür aber interessieren.“ Touché, liebe Felicia – denn ja, es interessiert uns. Und auch wenn ich vieles wusste, gab es einige Insights, die selbst für mich neu waren.
In ihrem ersten Video zu dem Thema spricht Felicia darüber, wie teuer eine Tour überhaupt ist – und bekam dafür großen Zuspruch, auch von anderen Künstler:innen. Auf die Frage, warum ihr Transparenz so wichtig sei, antwortete sie: „Ich sehe in meiner Bubble und auch im erweiterten Musikerkreis, wie viele Musiker:innen ihre Touren verschieben oder absagen müssen, weil es sich im kleinen Rahmen einfach nicht mehr rentiert. Das finde ich ultra schade und wollte mehr Augenmerk darauf legen – und den Leuten mal zeigen, wie teuer so eine Tour eigentlich ist. Wenn man nicht drinsteckt, hat man da oft keine Vorstellung.“
Und ja: Auch wenn ich mich in der Musikwelt einigermaßen gut auskenne, war ich überrascht, wie teuer so eine Tour für einen (Independent-)Act tatsächlich ist. Es hat mich irgendwie nicht losgelassen und deswegen wollte ich auch mit Felicia sprechen.
Das Musikbusiness gilt oft als glitzernde Traumwelt – in Wahrheit ist es für viele Künstler:innen ein harter Überlebenskampf. Wer wie Felicia Lu unabhängig arbeitet, trägt die komplette finanzielle Last selbst: Studio, Musikvideos, Promotion, Tourkosten – alles wird aus eigener Tasche bezahlt. Ohne Label im Rücken fehlt nicht nur die Vorfinanzierung, sondern auch die Sicherheit, dass sich diese Investitionen jemals auszahlen.
„Man sagt immer: Bei der ersten Tour macht man Verlust, bei der zweiten Tour hat man Glück, wenn man auf Null kommt und ab der dritten Tour macht man Gewinn.“
Selbst mit Label-Verträgen sind Produktions- und Marketingkosten meist vorgestreckt. Erst wenn Verkäufe und Streams die Kosten decken, fließt etwas an die Künstler:innen. In vielen Fällen besitzen sie nicht einmal die Rechte an ihrer eigenen Musik – ein Punkt, den Taylor Swift in den letzten Jahren öffentlich machte. Ziemlich krass, oder?
Streaming verschärft das Ungleichgewicht: Plattformen wie Spotify zahlen durchschnittlich 0,003–0,005 USD pro Stream. Selbst Millionen Streams bringen nur begrenzte Einnahmen, die zudem zwischen Songwriter:innen, Produzent:innen und Labels aufgeteilt werden.
Wer sich nun fragt, wie man seine Lieblingskünstler:innen unterstützen kann: Einnahmen entstehen vor allem durch Live-Shows, denn über Streaming kommt kaum etwas rein. Auch Merch und Festivalgagen machen einen wichtigen Unterschied. Am wertvollsten ist aber: „Einfach die Musik hören. Und: auf Social Media den Sound verwenden. Das ist tatsächlich einfach super wichtig, weil TikTok, Instagram und Co. gerade einfach so gut wie das einzige günstige Mittel sind, neue Fans zu bekommen. Es gibt leider kein MTV wie früher mehr, wo die Musikvideos gezeigt werden und man so neue Musik entdeckt. Wichtig ist aber: auf Konzerte gehen! Vor allem von kleinen Künstler:innen, damit diese Branche eben nicht ausstirbt“, so Felicia Lu.
Um noch deutlicher zu zeigen, wie teuer ihre Tour wirklich war, postete Felicia ein Recap-Video – und legte damit offen, was die Bittersweet Tour gekostet hat und wie viel über die Ticketverkäufe tatsächlich hereinkam. Im Video spricht sie von rund 40.300 Euro Ausgaben, im Interview korrigiert sie die finale Summe auf etwa 47.000 Euro. Dem gegenüber stehen 17.400 Euro Einnahmen. Den Restbetrag, den sie durch die Tickets nicht abdecken konnte, muss sie nun selbst stemmen. Sie versucht, diese enorme Lücke durch ihre Musik, ihre Social Media Agentur oder durch Co-Writing wieder reinzuholen.
Die Kommentare unter den Videos waren überwiegend positiv – trotzdem gab es natürlich auch vereinzelte kritische Stimmen wie: „Warum spielt man eine Tour, wenn man noch nicht erfolgreich genug ist?“ Felicias Antwort darauf ist ebenso simpel wie wichtig: „Ab wann ist man denn erfolgreich genug, um eine Tour zu spielen? Genau das ist doch der Punkt: Es kann nicht jede:r eine Nina Chuba oder eine Taylor Swift sein, bevor man überhaupt auf Tour geht. Wenn kleinere Artists nicht mehr die Möglichkeit haben, ihre Musik live zu zeigen, bricht die komplette Musikbubble zusammen.“
Und mal unter uns: Ist es nicht oft genau so? Man gönnt sich ein Ticket für ein kleineres Konzert, weil es erschwinglich (zumindest keine 100 Euro) ist, auch wenn man kein Hardcore-Fan ist – und geht am Ende völlig euphorisiert nach Hause, weil man mehr Songs gefeiert hat, als man dachte. Oder weil der oder die Künstler:in live einfach unfassbar sympathisch ist. Mir ist das schon oft passiert. Und vielleicht nimmt man jemanden mit, der oder die danach ebenfalls hängen bleibt und die Musik weiterhört. Am Ende entsteht daraus nicht nur ein unvergesslicher Abend, sondern ein echter Gewinn – besonders für die Artists, die jeden einzelnen Fan brauchen. Und ganz ehrlich: Mit all dem Wissen werde ich in Zukunft noch viel lieber unbekanntere Musiker:innen unterstützen.
Genau das braucht es jetzt: Fans, die kleinere Artists aktiv unterstützen – und Künstler:innen wie Felicia, die nicht länger schweigen, sondern Missstände offen ansprechen. Zwar gibt es in Österreich hilfreiche Förderinstrumente wie den Österreichischen Musikfonds oder die Support-Förderung, doch am Ende bleiben die Fans das Fundament jeder musikalischen Karriere.
Felicia arbeitet jedenfalls schon an den nächsten Schritten:
„Ich bin gerade wieder viel im Studio, arbeite an neuer Musik und entwickle mich musikalisch weiter. Sonst freue ich mich sehr auf nächstes Jahr und dass es hier dann noch mal richtig abgeht. Ich hab große Pläne für nächstes Jahr.“
Wir sind gespannt, was noch alles kommt – und eines ist sicher: Felicia Lu wird ihren Weg weitergehen. Und zwar laut, unabhängig und absolut kompromisslos sie selbst.
Titebild © Thomas Schuh






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