Soll ich ganz ehrlich sein? Wenn mir vor einer Woche jemand gesagt hätte, dass ich an diesem Samstagabend im Wiener Ernst-Happel-Stadion stehen und lauthals „Atemlos“ mitsingen würde, hätte ich laut gelacht. Ich bin kein Fan von ihr. Ich bin kein Fan von ihrer Musik. Mein Spotify-Algorithmus würde wahrscheinlich schreiend weglaufen, wenn er Schlager-Frequenzen orten müsste. Aber wie das Leben so spielt: Ich bin kostenlos an Tickets gekommen. Und da man zu einem potenziell lustigen Abend und der Frage „Was soll schon schiefgehen?“ selten Nein sagt, hieß es für mich gestern plötzlich: Ab ins Stadion.
Da sind wir dabei – aber kostenlos
Schon beim Betreten – wir sind relativ spät gekommen – der Arena fiel auf: Das Stadion war zwar richtig gut voll, aber eben nicht restlos ausverkauft. Die Erklärung dafür lieferte das Tour-Management quasi gleich mit: Das gestrige Konzert wurde professionell für einen kommenden Konzertfilm aufgezeichnet. Das erklärte dann auch die kostenlosen Tickets kurz vor dem Event. Schließlich muss so ein Stadion auf der großen Leinwand bis in den letzten Winkel nach absolutem Mega-Hype aussehen. Strategie aufgegangen, die Kulisse stand.
Die Bühneninszenierung war einfach next level
Also wenn mich eins begeisterte, dann war es die Bühne. Die Bühneninszenierung dieser 360-Grad-Tour setzt nämlich absolut neue Maßstäbe. Ich habe in diesem Ausmaß selten etwas Gigantischeres gesehen. Die Bühne thronte genau in der Mitte des Stadions, flankiert von ewig langen Stegen nach links und rechts.
Das eigentliche Highlight der Konstruktion war jedoch ein schwebender Würfel über der Centerstage, der sich im Laufe der Show in vier ausfahrbare Stege verwandelte. Und mittendrin Helene, die völlig angstfrei und schwerelos von einem Ende der Arena zum anderen flog. Wie sie es schafft, bei diesen halsbrecherischen Manövern auch noch jeden Ton absolut fehlerfrei, glasklar und live zu singen, ist aus sportlicher und musikalischer Sicht schlichtweg verrückt.
Reißverschluss-Gate machte Helene noch sympathischer
Helene Fischer war unfassbar gut drauf und wirkte vor allem eines: überraschend sympathisch und nahbar. Das bewies sie vor allem bei einer kleinen Outfit-Panne: Der Reißverschluss eines ihrer Outfits streikte und wollte einfach nicht zu gehen.
Anstatt in Panik zu verfallen, zeigte sie dem Wiener Publikum völlig entspannt ihren durchtrainierten Rücken, lachte herzlich über das modische Malheur und überspielte die Situation absolut souverän. Froh, als der nächste Outfit-Wechsel anstand, war sie vermutlich trotzdem – aber dieser Moment hat ihr jede Menge Sympathiepunkte eingebracht.
Wenn die „Crash-Kids“ mehr Spaß haben als die Schlager-Fans
Die Setlist war eine perfekt durchgetaktete Reise durch all ihre Ären. Von den frühen Klassikern „Und morgen früh küss ich Dich wach“ bis zu den neuen Nummern „Warum“ war alles dabei. Und ja, als die ersten Takte von „Herzbeben“, „Ich will immer wieder… dieses Fieber spür’n“ und natürlich dem ultimativen Endgegner „Atemlos durch die Nacht“ durch das Stadion schallen, gab es auch bei uns kein Halten mehr.
Wir ließen uns einfach von der Stimmung mitreißen und hatten jede Menge Spaß. Das Skurrile daran: Irgendwie schienen wir als „Konzert-Crasher“ phasenweise sogar deutlich mehr Spaß zu haben als die eigentlichen Fans um uns herum, die viel Geld für ihre Plätze bezahlt hatten und die Show fast schon in andächtiger Schockstarre verfolgten. Na ja … jede*r wie er will.
Fliegende Helene begeisterte ihre Fans
Der unangefochtene emotionale Höhepunkt des Abends hatte dann auch nichts mit Schlagermusik zu tun, sondern mit purem Gefühl. Als Helene gemeinsam mit ihrem Mann (und Akrobatik-Partner) Thomas Seitel an Seilen durch die Luft über den Köpfen der Fans schwebte und ihm mit dem Song „An meiner Seite“ eine ganz intime Liebeserklärung machte, war das selbst für mich ein echter Gänsehaut-Moment. Kitschig? 100 Prozent. Aber verdammt gut inszeniert.
Mein Fazit: Perfekter Pop im Schlager-Gewand
Am Ende des Abends bin ich glücklicher als gedacht aus dem Ernst-Happel-Stadion spaziert. Es bleibt nach wie vor nicht meine Musik – dafür fehlt mir in den Texten einfach der nötige Tiefgang und alles ist mir eine Spur zu permanent „happy“. Aber man merkt extrem, wie sehr sich der moderne Schlager dem internationalen Pop angenähert hat – und Helene Fischer verkörpert diese Fusion in absoluter Perfektion. Ich bereue es jedenfalls nicht, da gewesen zu sein. Es war ein großartiger, extrem lustiger Blick in eine Welt, die ich sonst nie betrete.
Beitragsbild: (c) Jennifer Hauska





Hinterlasse einen Kommentar